Wortgefechte … Dienstag, Jul 15 2008 

… und Sprachstolpereien! Das passt zusammen. Ersteres der Name einer Kolumne, die regelmäßig im Ressort »Vermischtes« der welt online erscheint. Der Autor, Textchef Sönke Krüger hat » überflüssige(n) Anglizismen und Fachchinesisch, Schachtelsätze(n) und stilistische(n) Blähungen« den Kampf angesagt und stellt sich jeden zweiten Montag zum Wortgefecht auf.

Mal schwingt er die linguistische Streitaxt gegen den Bürokratenjargon und plädoyiert (pardon: spricht für) verständliches Deutsch, für »Wetter« statt »Witterungsbedingungen« und »Briefmarke« statt »Postwertzeichen«.

Oder er hält das schützende Sprachschild über die gute deutsche Sprache, und fragt, ob wir tatsächlich bald »ein Gesetz wie in Frankreich« brauchen, »wo Anglizismen verboten und französische Ersatzbegriffe vorgeschrieben sind?«

Und schließlich richtet er die stilistische Lanze gegen den Sportjargon. Hoffentlich zerbricht die nicht an der eigenen Überschrift »Pille, Nille, Mörder-Bums«?!

Insgesamt finden sich in der sehr lesenswerten und unterhaltsamen Kolumne neben zahlreichen »Zugpferde(n), die wie Pilze aus dem Boden spriessen«, mancherlei leicht Verdauliches und selten schwer Verständliches. Und schließlich lernen wir, warum wir den Wonderbra lieben und den Chairman verachten.

Im Übrigen: Auch die eigene Zunft wird kaum verschont: In dem Artikel über Schlagzeilen zum Lachen und Weinen werden selbst »Kinder-Ohren Augen machen«.

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Reclam am Spieß Mittwoch, Mai 14 2008 

Um reclam war es ruhig geworden. Früher waren die kleinen gelben Heftchen in aller Schublade, begleiteten uns (man drückte uns Faust auf’s Auge) durch unsere Schullaufbahn. Nicht wegzudenken die blauen Kommentare und Erläuterungen und orangenen zweisprachigen Ausgaben: »Quamvis sint sub aqua, sub aqua maledicere temptant«. Und auch in unlauteren Zeiten des open contents, in denen Ausgaben rechtsfreien Inhaltes nur geringe Zukunftschancen zu haben scheinen, verfolgt mich reclam neuerdings weiter.

Nun dreht sich alles um einen Spieß: reclams Literaturdöner wurde von Jung v. Matt experimentell (und kostenlos) gestrickt und sei im Hinblick auf das Gastland der Buchmesse eine geradezu verheißungsvolle oder kongeniale Idee, so der gelbe Werbechef Fallbacher. Wenn der Spieß mal nicht umgedreht wird: Früher waren die reclams die einzigen Büchelchen, die zu Dönerpreisen zu erwerben waren. 3 Punkte ergeben einen gesalzten Ayran extra?

Spieß Spaß beiseite. reclam hat Nöte, aus rechte- und lizenzfreier Ware ein nachhaltiges Geschäftsmodell in Print oder web 2.0 zu generieren. Die Marktmacht des Verlages zum Bröckeln verdönert. Rettung soll nun das um Neuübersetzungen angereicherte hochwertige Hardcover-Programm verheißen. Hier habe schon der Gestalter »freie Bahn« gehabt haben. Bereits der »zweite Entwurf war ein Treffer«, so im Börsenblatt nachzulesen. Da hat es jemand eilig. Mit Recht! Der Markt gebietet es. Aber auch mit der gebotenen Sorgfalt und Strategie? Zu wünschen bleibt, dass es diesmal nicht »zu halbherzig versucht« werde, und es reclam nicht gehe wie unseren Lykischen Bauern.

Wußten Sie, dass »Communitys Webseiten betreiben«? Mittwoch, Apr 23 2008 

Definitionen und anderer Schnickschnack

»Social web« oder »Communities« sind in aller Munde. Nachfolgend möchte ich ein paar ins Mark treffende Definitionsansätze kommentieren. Zunächst Wikipedia zum Begriff der Community:

Eine Community (engl. »Gemeinschaft«, pl. communities, pl. (deu.) Communitys) ist eine Gruppe von Personen, die gemeinsames Wissen entwickelt, Erfahrungen teilt und dabei eine eigene Identität aufbaut.

Der Begriff »Community« beschreibe dabei eher eine soziale Gruppe als eine Gemeinschaft. Und das sei der Grund, weshalb sich der anglisierende (Autsch) englische Begriff auch im deutschen Sprachraum durchgesetzt habe. Aber nun zu der starken Forderung, die Mitglieder möchten gemeinsames Wissen entwickeln UND Erfahrungen teilen UND dabei eine eigene (Gruppen?)Identität aufbauen?

Ich darf die Definition an einem praktischem Beispiel deklinieren und fragen, ob z. B. eine Schulklasse eine Community mit einer gemeinsamen Identität ist? Dort soll zumindest in der Theorie ein Wissen vermittelt werden, dessen Stand bei allen Mitschülern verglichen wird. Die Schüler teilen gewiss über die Jahre zahlreiche Erfahrungen, identifizieren sich möglicherweise mit einem (oder wechselnden) Ideal(en), einem gemeinsamen Ziel, einem Namen, sogar der Marke »Klasse 4c«. Hätte es da nicht gereicht, die Kriterien Wissen, Erfahrung, Identität alternativ anzubieten.

Schließlich gäbe es, so wikipedia, eine ganze Reihe von Ausprägungen, von der Foto Community (3 Personen auf einem Bild?) bis zur Online-Community. Letztere zeichnete sich dadurch aus, dass sie »eine Website [betreibt], auf der sich Internetsurfer mit ähnlich gelagerten Interessen treffen und ihre Erfahrungen austauschen«. Mich will das nicht überzeugen. Und ich empfehle dem Verlag Bertelsmann dringend von dem geplanten Editionsvorhaben Wikipedia. Die freie Enzyklopädie zurückzutreten.

Dagegen liest sich folgende tautologische Erklärung auf den ersten Blick fast schlüssig:

Communities sind ein probates Mittel, um den Dialog unter den Mitgliedern (Ihren potentiellen Kunden) zu fördern. Sie stärken das Gemeinschaftsgefühl und bieten einen gegenseitigen Nutzen durch kollektives Wissen, das allgemein zugänglich ist.

Den Autor dieses Beitrags will ich nicht preisgeben. Und auch die Frage nach Huhn und Ei nicht stellen. Vielmehr mich über Communities freuen, deren Bestimmung darin zu liegen scheint, im Selbstzweck alle stilistischen Mittel zu heiligen.

Sprachstolpereien? Sinnbrüche allerorten … Dienstag, Apr 22 2008 

Subtil, ironisch, augenzwinkernd, so wollte ich Sprachstolpereien vorführen. Doch was ich bei einem heutigen (und ungeplanten) Streifzug durch die web 2.0 Veröffentlichungen entdeckte, ließe Süskind erblassen! Keine Stilblüten etwa, sondern Fehlschlüsse, keine griffigen Schlagzeilen, sondern wirre Wortreihungen. Süskind hätte das möglicherweise zurückhaltend als »sprachliches Fehl-Arrangement« wie sein vielzitiertes Beispiel des »konfusen Rangierbahnhofs« bezeichnet.

Ein paar davon muss ich zum Zwecke der Veranschaulichung zum Besten geben. Aus den aktuellen Schlagzeilen der Seite Zoomer.de muss ich nicht einmal willkürlich auswählen, sondern zitiere einfach von oben nach unten:

  1. Liverpool führt – dank Ballack-Fehler (Was ist das, ein »Ballack-Fehler«? Ein Sprach- oder ein Spielfehler?)
  2. Langeweile im Job. Alle denken ich arbeite … (Hier fehlt auf jeden Fall ein Komma, der Sinn bleibt immer entstellt. Aber wenn alle mit Denken beschäftigt sind, ist es gut zu wissen, dass wenigstens einer arbeitet.)
  3. Dresden stimmt für neuen Bürgerbescheid. (Eine neue Form der Stadtherrschaft?), da fügt sich
  4. Peking sauer über neue Pariser Ehrenbürger nahtlos an.

»Halt, halt!« werden Sie einwenden, da handele es sich ja nur um Schlagzeilen, aus dem Kontext gerissen, mit elliptischen Stilmitteln verknappt. Mag sein, werde ich erwidern, aber dagegen hab‘ ich was!

Hallo! Sonntag, Apr 20 2008 

Das ist nicht nicht die herzlich gesprochene Grußformel eines jungen Blogs an seine überschaubare und geschätzte Leserschaft. Dann stünde hier »Geneigte Leser«, oder ich spräche Euch (noch ist mir das ob der erwartet überschaubaren Reaktionen möglich) namentlich mit »Lieber Herr Zosel«, »Lieber Joachim«, »Meine liebe Freundin Renate« an.

»Hallo«, das ist kein Gruß, sondern ein Aufschrei: Bald jede E-Mail und auch viele maschinen- und sogar handgeschrieben Briefe initiieren die Anrede mit diesem Ausruf, der mich immer an einen einsamen Suchenden (nicht Sokrates!) erinnert. Ja, ich habe das Bild eines im Dunkeln Herumirrenden im Hinterkopf, der bald panisch nach Unterstützung schreit: »Hallo!!!«. Oder das eines abgehalfterten Altenpflegers, der den Mantel der Demenz, der über seiner senilen und schwerhörigen Patientin liegt, mit einem gebetsmühlenartigen »Hallooo, Haaallooooo« zu durchbrechen versucht. Bestenfalls bin ich an einen schnösseligen Stenz erinnert, der, eine Augenbraue künstlich hochgezogen, seiner untadeligen Gegenüber im Club ein möchtegernerotisches »Halloooohhh« zuhaucht.

In jeder Ausprägung bleibt es ein unpersönlicher Ausruf, der eines Gegenübers nicht braucht, oder auch nur wert wäre. In der Bergrettung möglicherweise angebracht, in Briefen, gleich welcher Art, ist es despektierlich. Und dagegen hab‘ ich was.